Einbändiger Brockhaus tritt gegen Wikipedia an
Wikipedia oder Brockhaus, wer weiß es besser? Bislang fiel diese Frage häufig zugunsten des renommierten Verlags in Mannheim aus. Der Brockhaus - vor allem die 30 bändige Enzyklopädie mit Goldprägung - ist für viele der Inbegriff seriösen Wissens.
Das Online-Lexikon Wikipedia mit schätzungsweise 740 000 Stichwörtern auf der deutschen Seite dagegen hat den Ruf, immer wieder mit Fehlern behaftet zu sein. Schließlich kann jeder angemeldete Nutzer daran mitarbeiten. Doch dem Image des mitunter wenig verlässlichen Nachschlagewerkes will das Bertelsmann Lexikon Institut nun entgegenwirken. Für September hat es ein Wikipedia-Lexikon mit den 50 000 beliebtesten Begriffe angekündigt - allesamt von der hauseigenen Redaktion überprüft und in Form gebracht. Brockhaus hält dagegen und veröffentlicht kurz darauf eine Neuauflage seines Nachschlagewerkes Brockhaus in einem Band.
Doch ob die beiden Bände tatsächlich in Konkurrenz zueinander treten, erscheint fraglich. Während Brockhaus das Wissen aus seiner großen Enzyklopädie auf rund 55 000 Stichwörter verdichtet und mit Bildern, Grafiken, Tabellen und Karten anreichert, will Bertelsmann die Begriffe aufnehmen, die bei Wikipedia am häufigsten recherchiert wurden. Beate Varnhorn, Leiterin des Bertelsmann Lexikon Instituts, ist selbstbewusst: Das Wikipedia-Lexikon werde ganz andere Wörter auflisten als ein normales Nachschlagewerk von A bis Z. Sie sieht das Buch eher als Spiegel des Zeitgeistes und der Themen, die die Menschen in Deutschland - vor allem die Internet-Nutzer - bewegen.
Auch der Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Wikimedia Deutschland, Arne Klempert, ist von dem anvisierten Lexikon überzeugt. Die 2005 erschienene DVD-Ausgabe von Wikipedia habe sich mehrere zehntausend Mal verkauft. Ähnliches könne er sich bei dem Lexikon vorstellen. Klempert sieht auch Vorteile im Vergleich zum Internet: Abends im Wohnzimmer bei einem Glas Wein, wenn sie da eine Wissensfrage haben, ist der Griff zum Bücherregal schöner, als ins Arbeitszimmer zu gehen und den Computer einzuschalten. Der Brockhaus sei ein Statussymbol für das gehobene Bildungsbürgertum. Ebenso könnte - so hofft er - das Wikipedia-Buch zum Statussymbol der Menschen werden, die gerne in das Online-Lexikon reinklicken.
Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch gibt sich angesichts der Pläne von Bertelsmann gelassen: Ich bin gespannt, wie sich das verkauft, bin aber ganz sicher, dass unser Einbänder deutlich vorne liegen wird. Brockhaus will beide Formate bedienen. Die große Enzyklopädie soll bald kostenlos im Internet stehen. Pläne, sich bei diesem Werk ganz von der Buchform zu verabschieden, wurden vorerst auf Eis gelegt.
Wir glauben an das gedruckte Lexikon, wir denken aber auch, dass es in der Zukunft ein Lexikonportal aus unserem Hause braucht, sagt Holoch. Er setzt vor allem auf den guten Ruf. Um eine Neuauflage des 30-bändigen Werkes auf den Markt zu bringen, seien 60 Redakteure und ein Stamm von 1000 Autoren drei Jahre lang beschäftigt. Für uns ist die Qualität das wichtigste Verkaufsargument, auf Brockhaus kann man sich seit 200 Jahren verlassen.
Die Fehlerdebatte um Wikipedia will Varnhorn von Bertelsmann nicht gelten lassen. Die Redakteure, die die Artikel aus dem Netz für das Buch bearbeiteten, seien erfahrene Bertelsmann-Lexikon-Redakteure mit Kompetenz aus verschiedensten Bereichen. Probleme mit dem Urheberrecht sehen Bertelsmann und Wikipedia nicht. Die Wikipedia-Autoren hätten einer sehr weitreichenden freien Lizenz zugestimmt, die auch die Veröffentlichung in einem Buch umfasse, sagte Klempert. Er sieht das Buch vor allem als spannenden Versuchsballon, zumal Wikimedia pro verkauftem Exemplar von den 19,95 Euro einen Euro bekommt. Das Online-Lexikon Wikipedia sei vor fünf Jahren auch als Experiment gestartet. Warum soll man das nicht einfach mal ausprobieren?
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